Es ist 8 Uhr früh, der dritte Tag, und Erwin Ostry läuft seit 68 Stunden. Irgendwo auf dem 2,854 Kilometer langen Asphaltring im Kurort Konstantinsbad in Westböhmen – über Bahnübergänge, vorbei an den Pavillons der anderen Teams, vorbei an seinem VW-Bus, der als Schlafstätte dient – überquert er eine unsichtbare Linie.
300 Kilometer. Noch vier Stunden auf der Uhr. Die Anspannung fällt ab wie ein nasser Schuh.
„Es war eine Erleichterung, die 300 km geschafft zu haben, und dass der Druck weg war. Zufriedenheit war da, auf alle Fälle, und eine innerliche Genugtuung. Triumph würde ich es nicht nennen – es war nicht das Hauptziel der Übung."
Er legt sich dreißig Minuten schlafen. Dann läuft er weiter – locker, ohne Druck, Runde für Runde. Am Ende stehen 317,009 Kilometer. Platz drei. Platz 14 in der M60 Klasse der Europarangliste.
Das Ziel heißt 100
Es beginnt am Montag, 5. Mai, um 12 Uhr. Am Vortag ist der VW-Bus des ULT Heustadlwasser um 13 Uhr in Konstantinsbad eingerollt, nach fünf Stunden Fahrt von Wien über Brünn und Pilsen.
Das Basislager steht schnell: Erwins VW-Bus dient als Schlafstätte, der gemeinsame Pavillon direkt an der Strecke als Basislager für alles andere – Kleidung, Verpflegung, Ausrüstung.
Drei Männer des Ult Heustadlwasser stehen mit einem klaren Plan an der Startlinie: Andreas aus Niederösterreich, Adalbert und Erwin aus Wien für die 72-Stunden-Distanz. Christian aus dem Burgenland, der die vollen sechs Tage läuft ist schon seit 3 Tagen unterwegs und hat schon 350 Kilometer abgespult.
Erwins Plan für Tag 1 lautet: 100 Kilometer, dann Schlaf, dann Zugabe. Die Sonne scheint, es ist warm. Beim Mittagessen um 13 Uhr – Hühnerfleisch mit Gemüse, Salat - das Dressing wird von allen gelobt – ist die Welt noch in Ordnung.
Sie bleibt es bis in die Nacht hinein. 52 Kilometer legt Erwin bis zum Abendessen um 20 Uhr zurück, gleichmäßig und ruhig. Dann bricht das erste Gewitter los – heftig, kalt, sintflutartig. Erwin ist zwei Kilometer vom Basislager entfernt, als der Himmel aufgeht. Er kommt mit nassen Schuhen und nassem Gewand zum Pavillon zurück, wechselt die Kleidung, wartet, bis der Regen nachlässt, und läuft weiter.
Um 6 Uhr früh erreicht er 100 Kilometer. Plan erfüllt. Er schläft 2,5 Stunden im Bus. Bis 12 Uhr bringt er es auf 113 Kilometer.
100. ✅
Das Ziel heißt 200
Tag 2 beginnt mit Müdigkeit und vielen Gehpausen, die den Magen schonen sollen. Das Tempo sinkt, aber der Kopf bleibt klar. Das Zwischenziel lautet: 150 Kilometer bis zum Abendessen um 19 Uhr.
Dann passiert etwas Unerwartetes: Eine Kindergartengruppe steht an der Strecke. Kleine Kinder, laut und begeistert, mit selbst gemalten Schildern, die anfeuern, was das Zeug hält. Erwin läuft vorbei und lächelt. Manchmal braucht es nur das.
Kurz vor dem Abendessen bricht das zweite Gewitter des Tages los, noch heftiger als das erste. Erwin kommt triefnass ins Verpflegungszelt, isst, kehrt zum Pavillon zurück und zieht sich um. Der Boden ist so wassergesättigt, dass das Wasser von unten in den Pavillon schwimmt. Alle Schuhe sind nass. Alle Schuhe.
In der Nacht folgt das dritte Gewitter. Erwin und Adalbert stellen sich zwanzig Minuten in zwei Dixi-Klos und warten – in eisiger Kälte, weil es draußen keine anderen Schutzmöglichkeiten gibt. Dann kehren sie in den Pavillon zurück. Erwin zieht das letzte trockene Gewand an. Der Pavillon hängt voll mit nasser Kleidung wie eine Sauna aus Leid. Geschlafen wird später – Erwin im Bus, Adalbert in seinem Zelt im Pavillon.
Nach einer fünfstündigen Schlafpause geht Erwin bei leichtem Regen wieder auf die Strecke – mit nassen Schuhen, denn trockene gibt es keine mehr.
Bis Ende Tag 2 stehen 203 Kilometer auf der Uhr.
200. ✅ – Aber zu welchem Preis.
Das Ziel heißt 300
Tag 3 ist anders. Keine Schlafpause. Kein Zeitlimit. Nur Runden. Und eine Zahl im Kopf: 300.
Wer einmal so ein Rennen gelaufen ist, weiß, was „300 im Kopf" bedeutet: Die Kilometer zählen sich qualvoll langsam. Jede Runde fühlt sich wie ein Sieg an, der sich trotzdem wie eine Niederlage anfühlt. Das Wetter wechselt stündlich, Pausen gibt es nur zum Essen.
Dazu kommt der Kampf um den Rang. Erwin wechselt immer wieder zwischen Platz zwei und drei hin und her, immer dicht hinter einem Tschechen, der ebenfalls seit 60 Stunden läuft.
Und dann kommen die Halluzinationen. Plattgedrückte Kröten auf dem Asphalt. Ein blühender Baum, der aussieht wie eine Leuchtkugel. Kleine, harmlose Schlangen. Und immer wieder ein Gurt mit einer Schnalle, den Erwin aufheben will – der aber nicht da ist. „Endlich kann ich bei Halluzinationen mitreden", sagt er danach trocken. „Die hatte ich in meiner 20-jährigen Läuferkarriere noch nie zuvor."
Zweimal schläft er beim Gehen sekundenlang ein, in der Nacht.
Um 8 Uhr früh erreicht er 300 Kilometer. Noch vier Stunden stehen auf der Uhr. Er legt sich dreißig Minuten schlafen. Dann läuft er weiter – nicht weil er muss, sondern weil er kann. Die letzten 17 Kilometer entstehen ohne Druck, ohne Ziel, einfach so.
300. Und dann noch 17. ✅
Danach
Nach Zielschluss schläft Erwin eine Stunde. Er duscht – kaltes Wasser, aber das spielt keine Rolle mehr. Um 14 Uhr findet die Siegerehrung statt. Von 16 bis 19 Uhr schläft er wieder. Dann beginnt die Abschlussparty mit Freigetränken, die diesmal niemand ablehnt.
Am nächsten Morgen frühstückt er gemeinsam mit Adalbert und Christian – Andreas ist bereits auf dem Heimweg. Dann wird das Basislager abgebaut und das Auto beladen. Erwin und Adalbert sind abfahrtbereit, doch der VW-Bus will nicht anspringen. Die Batterie ist leer. Die verbliebenen Teilnehmer interessiert das wenig. Nur einer hilft wirklich: der Tscheche, gegen den Erwin drei Tage lang um Platz zwei gekämpft hat. Er nimmt sich eine Stunde Zeit und gemeinsam schleppen sie den Bus letztendlich an, bis der Motor zum Glück anspringt.
„Ich war so happy, als der Bus endlich ansprang. Ich fiel ihm um den Hals – dabei waren wir Tage vorher noch freundschaftliche Konkurrenten auf der Strecke!"
Das ist Ultraläufer-Gemeinschaft.
Ein Verein, vier Ergebnisse
Das Ultralaufteam Heustadlwasser hat beim K6 eindrucksvoll bewiesen, was in ihm steckt. Andreas gewinnt die 72-Stunden-Wertung mit 362,673 Kilometern und setzt damit den Maßstab für den ganzen Verein. Erwin folgt auf Platz drei mit 317,009 Kilometern und belegt damit nach aktuellem Stand der Europarangliste Platz 14 in der Klasse M60. Adalbert läuft mit 308,447 Kilometern auf Platz vier – und stellt dabei einen neuen österreichischen Rekord in der Altersklasse M75 auf. Ein Rekord, der keine Fußnote ist, sondern eine Headline verdient. Christian wiederum absolviert die volle Sechstage-Distanz und finisht auf Platz drei mit 680,266 Kilometern – ein Ergebnis, das für sich spricht.
Die Lehren für September
Im September wartet Erwins eigentliches Saisonziel: der EMU 6-Tage-Lauf in Ungarn. Konstantinsbad war der Testlauf. Die Erkenntnisse sind klar und ehrlich: Die tägliche Kilometerleistung soll im Fokus bleiben, aber kein starres Zeitlimit gesetzt werden. Pausen sollen früher eingelegt werden, nicht erst nach 100 Kilometern. Die Konzentration gehört dem eigenen Lauf, nicht den Konkurrenten. Eine regendichte Überhose und mehr Schuhe kommen ins Gepäck.
In Ungarn gibt es einen Bungalow direkt an der Strecke. Andere Verhältnisse. Andere Möglichkeiten.
Und das Ziel? Das kennt jeder, der Erwin kennt.
Es wird eine Zahl sein. Und er wird sie erreichen.
Ein paar Eindrücke in Fotos:









Das K6 Czech Ultramarathon Festival findet jährlich im Mai in Konstantinsbad (Konstantinovy Lázně), Westböhmen, statt. Rundkurslänge: 2,854 km, 12 Höhenmeter pro Runde. Die Veranstaltung ist von der IAU mit Bronze ausgezeichnet. Anmeldegebühr: 200 Euro. www.k6ultra.cz