Langsam - Lauftreff jeden Mittwoch um 18h45

am "Anfang" des Heustadlwassers beim Schranken zum Parkplatz ->
2026-04-12 Schneller Erwin. Schönes Paris. Sauberes „Greenwashing".

2026-04-12 Schneller Erwin. Schönes Paris. Sauberes „Greenwashing".

Start

58.853 Läuferinnen und Läufer aus aller Welt. Straßen, die nach Schweiß und Euphorie riechen. Eine Stadt, die für einen Tag komplett den Atem anhält – und dann jubelt, als hätte sie nie etwas anderes getan. Der Schneider Electric Paris Marathon 2026 am 12. April war ein Ereignis der Superlative: 57.464 Finisher – neuer Europarekord, und derzeit der größte Marathon Europas. Zumindest bis London Ende April antritt. Mittendrin: zwei Läufer des ULT Heustadlwasser.

Die Strecke – eine Stadt als Bühne

Paris ist das, was man sich unter einem echten Städtemarathon vorstellt. Wie Wien. Wie Rom. Immer in der Stadt, immer Sightseeing – kein Industriegebiet, keine Autobahn, keine trostlose Umgehungsstraße. Wer in Paris läuft, läuft durch ein lebendes Postkartenbuch.

Der Start liegt auf den Champs-Élysées, direkt unterhalb des Arc de Triomphe, und schon die ersten Meter auf dem berühmten Kopfsteinpflaster lassen keinen Zweifel daran, wo man sich befindet. Vorbei an der Place de la Concorde, wo während der Französischen Revolution Könige und Königinnen unter der Guillotine starben und heute ein ägyptischer Obelisk die Mitte des Platzes markiert. Weiter zur Opéra Garnier, dann die Rue de Rivoli entlang, vorbei am Carrousel du Louvre, bis zur Place de la Bastille und hinaus in den Bois de Vincennes – Napoleons III. großem Stadtpark im Osten.

Ab Kilometer 25 kehrt die Strecke ans Herz der Stadt zurück. Die Quais de Seine führen die Läuferinnen und Läufer an Spektakulärem vorbei: Grand Palais, Les Invalides, der Eiffelturm – und das alles auf den eigenen Beinen, im eigenen Tempo, mit brennenden Oberschenkeln und einem Lächeln, das sich kaum unterdrücken lässt. Dann hinein in den Bois de Boulogne, den ehemaligen Jagdwald der französischen Könige, und schließlich auf die Avenue Foch – mit dem Ziel vor Augen, mit dem Arc de Triomphe im Rücken.

292 Höhenmeter geht es bergauf, 289 bergab. Das ist moderat genug, um nicht zu lähmen – und ausreichend, um die Beine in der zweiten Hälfte zu spüren.

Erwin finisht. Egon stoppt.

Die Geschichte von uns beiden beginnt gemeinsam. Erwin Ostry hat eine Marathon-PB von unter drei Stunden und trabt die ersten zehn Kilometer Seite an Seite mit Egon Theiner durch Paris. Kein Druck, kein Tempo, einfach gemeinsam laufen. Dann zwangen körperliche Beschwerden, genauer: das Piriformis Syndrom, Egon zum Stopp – ein Moment, den jeder Läufer und jede Läuferin kennt und den niemand vergisst. Aber wenn es nicht läuft, läuft es halt nicht.

Erwin lief weiter. Allein jetzt, aber frei. Und wer die Mathematik kennt, versteht, was dann passiert. Ein Mann mit Sub-3-Potenzial, der die ersten zehn Kilometer bewusst (oder gezwungenermaßen, Ansichtssache) langsam absolviert hatte, fand sein eigenes Tempo – und lief die restlichen 32 Kilometer in einem gewaltigen Negative Split ins Ziel. Finale Zeit: 4:10 Stunden. Und dies, obwohl er ab Kilometer 32, 33 sich den Weg freilaufen musste zwischen all jenen, die bereits beim Walken und Wandern waren. Es war nicht sein schnellster Marathon, aber vielleicht einer seiner menschlichsten, weil dieser Negative Split seinen Ursprung nicht in taktischen Überlegung, sondern in zwischenmenschlicher Beziehung hatte.

Die Enttäuschung hielt sich bei Egon in Grenzen, Paris war auf alle Fälle eine Reise wert. Am Tag nach dem Lauf ging es nochmals auf den Champs-Élysées, an den Eiffel-Turm und zur Basilika Sacré-Cœur: Dort spielen ja auch die finalen Szenen des Films „John Wick 4“ (ganz ehrlich: nicht sehenswert, im Gegensatz zum Monument, von dem man auch einen Ausblick über ganz Paris genießt). Beide ULT-Läufer haben jedenfalls die Tage in der (nach Eigendefinition) „schönsten Stadt der Welt“ in vollen Zügen genossen. Sehenswürdigkeit für Sehenswürdigkeit, Café für Café, Moment für Moment. Paris bleibt Paris.

Ein Game Changer?

Vielleicht ist der Paris Marathon 2026 mehr als nur ein Rekord-Event. Vielleicht ist er ein Vorgeschmack auf das, was Marathonläufe in Zukunft sein werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden zwischen 8:00 und 11:30 Uhr gestaffelt auf die Strecke geschickt – ein Modell, das Gedränge reduziert, die Atmosphäre über Stunden am Leben hält und 200.000 Zuschauer entlang der gesamten Strecke fesselt. Vom ersten bis zum letzten Kilometer waren die Straßen links und rechts gesäumt – mit Menschen, Schildern, Trommeln und einem Lärm, der einen auch bei Kilometer 38 noch vorwärtstreibt (sofern man da noch im Rennen ist).

Und dann war da noch die vielleicht mutigste Entscheidung der Veranstalter: keine Wegwerfbecher an den Verpflegungsstellen, weder aus Plastik noch aus Papier. Zum ersten Mal in der Geschichte eines Massenevents dieser Größenordnung mussten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr eigenes Gefäß mitbringen – eine Softflask, einen faltbaren Becher -, das in einer Laufweste oder einem Hüftgurt oder in der Hand getragen wurde. An den Laben warteten Wasserhähne und Zapfstationen, an denen nachgefüllt werden konnte.

Die Meinung der Szene war – und ist – gespalten. Die einen sagen: „Das ist sehr in Ordnung, endlich konsequent." Die anderen: „Da werde ich sicher nie mehr laufen – ich verliere Zeit und kann keine Bestzeit erzielen." Beide Seiten haben ein Argument.

Aber wie viel bringt das der Umwelt wirklich? Die Antwort ist ernüchternd. Das Becherverbot vermeidet rund 660.000 Einwegbehältnisse – das entspricht etwa 12 Tonnen Kunststoff. Klingt beeindruckend. Wird aber sofort relativiert, wenn man bedenkt, dass rund ein Drittel der fast 59.000 Teilnehmer:innen aus dem Ausland anreisten – viele davon mit dem Flugzeug. Der CO2-Ausstoß allein durch diese Anreisen übersteigt die Einsparung durch die Becher um ein Vielfaches.

Hinzu kommt der Rebound-Effekt: Wer sich eigens eine Trinkweste oder eine Softflask kauft, erzeugt durch deren Herstellung ebenfalls CO2. Experten schätzen, dass ein Läufer sein neues Gefäß mindestens sieben Mal bei Marathons einsetzen muss, damit die Klimabilanz gegenüber herkömmlichen Pappbechern überhaupt positiv ausfällt.

Was bleibt also? Das Becherverbot ist äußerst effektiv zur Müllvermeidung – die Straßen von Paris waren sauber wie selten zuvor nach einem Großevent (auch wenn wir an gewissen Punkten Berge von Gel-Verpackungen gesehen haben). Sein Effekt auf die globale Erwärmung hingegen ist, um es präzise zu sagen, fast unsichtbar. Kritiker sprechen von einer symbolischen Geste – solange das eigentliche Problem, die weltweiten Flugreisen der Läufer, ungelöst bleibt (und bleiben wird). Der größte CO2-Hebel beim Paris Marathon liegt nicht im Mülleimer an der Verpflegungsstation. Er liegt am Flughafen.

Das heißt nicht, dass die Entscheidung falsch ist. Aber wer ehrlich sein will, muss den Unterschied kennen zwischen dem, was gut aussieht – und dem, was wirklich hilft.

Ist das Modell trotzdem gekommen, um zu bleiben?

Wir tippen auf Ja. Aber zuerst einmal sind wir gespannt, wer vom ULT Heustadlwasser 2027 in Paris dabei sein wird.

 Schluss