von Harald Wurm / Oktober 2026
Spartathlon – ein Déjà-vu
Samstag, 26. September, 6 Uhr 50, Athen, unterhalb der Akropolis. Was mach ich da bei leichtem Regen und noch vor Sonnenaufgang? Ich und knapp 400 andere. Wollte ich es nicht nach meinem letzten Spartathlon 2019 darauf beruhen lassen, dass ich es endlich geschafft hatte beim 3. Anlauf? Gefinisht nach 246 km und unter Zeitdruck, Schmerzen, bei Hitze und einer mentalen Achterbahn. Ja, wollte ich damals...
Aber im Ernst jetzt: bist ein Ultraläufer oder was? Und der Spartathlon von Athen nach Sparta am Peloponnes ist für mich der Ultralauf schlechthin, der mich wirklich an meine Grenzen bringt. Und nicht nur mich. Also: ein paar Fotos mit der beleuchteten Akropolis im Hintergrund, letztes Aufwärmen, rein ins Startgetümmel und los gings!
Anfangs bergab wie auf rohen Eiern – nasses Kopfsteinpflaster. Nur nicht stürzen, nur nicht weh tun. Wär schon peinlich, bei einem 246 km-Rennen nach 500 Metern wegen einer Bänderverletzung oder Ähnlichem auszuscheiden. Könnte ich mich wochenlang nirgends blicken lassen. Also, erster Kilometer in 6 min 25, zweiter in 5.40, dritter in 6.05... passte so, pendelte sich ein. Der Verkehr war beträchtlich, die Pfützen lästig, der Regen mal weniger, mal mehr, Temperatur aber angenehm um die 17 Grad. Trotzdem hatten viele Regenjacken an.
Die ersten 10 Kilometer raus aus Athen und vorbei an Piräus, Halbmarathon-Marke in 2:03, Marathon in 4:06. Claudia, mein Support, wartete an mehreren Verpflegungsstellen und feuerte mich an. Machte sie gut, mir ging es auch gut, alles nach Plan.
Bei Kilometer 55 etwa war die erste Ermüdungsphase – kannte ich schon, immer nach so einer Distanz, egal wie das Wetter ist. Nach knapp 6 Stunden laufen signalisiert der Körper: Pause, oder langsamer.... Beides keine Option. Also ein Gel hinunter, erste Salztablette dazu. Und siehe da, nach 15 Minuten ging es wieder besser. Der Regen war teilweise heftig, die schöne Küstenstraße Richtung Kanal von Korinth in Nebelschwaden eingetaucht. Nach 80 km kurz nach dem Kanal kam die erste große Labestation mit warmen Essen, etc. Ein Drittel der Distanz war geschafft, Beine waren noch gut, jetzt galt es bis zur Stadt Nemea bei km 123, also Halbzeit oder vielmehr halbe Distanz, nicht zu viel Zeit zu verlieren und keinen Einbruch zu haben. Der Regen hatte auch aufgehört, gegen 16 Uhr kam sogar hin und wieder die Sonne durch.
Vorbei ging es entlang von Güterwegen an endlosen Olivenhainen. Das Meer lag hinter uns, jetzt kamen langsam die Höhenmeter. Bei km 105 ein kleiner Flow, wow! Es ging einen Kilometer die Straße bergauf bis zur Verpflegungsstation, wo ich meinem Rucksack mit Stirnlampe, etc. hinterlegt hatte. Da lief es wirklich gut, ich überholte einige Läufer, bei der Labestation war auch Markus Thalmann, der einzige Österreicher, der je den Spartathlon bisher gewinnen konnte (2003) und half mir, die Warnweste anzulegen. Die nächsten 15 Kilometer bis Nemea vergingen recht schnell, ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern. Es wurde dunkel, ich lief mit einem Japaner bis zur Labe, dort trennten sich unsere Wege. Ich aß Spaghetti wie schon in Korinth, salzte heftig nach, bekam aber kaum mehr als die Hälfte runter. Meine Zeit war besser als je zuvor, ich war zuversichtlich.
Jetzt kam allerdings der Anstieg Richtung Sangas Pass auf 1.100 Meter und leider auch wieder mehr Regen. Es geht dort etwa 30 Kilometer auf Asphalt hügelig aber doch kontinuierlich bergauf, also ca. 800 Höhenmeter. Ich zog mir dir Regenjacke an, das erste Mal überhaupt. Aber es wurde natürlich mitten in der Nacht immer kühler und auf der Passhöhe war ich froh, dass mir nicht zu kalt war. Zwei Kilometer vor dem finalen Eselsteig zum Gipfel gab es eine warme Hühnersuppe, dann zu zweit mit einem Deutschen vorsichtig raufgestiegen und dann – fiel meine Stirnlampe aus! Ich fluchte, zum Glück hatte ich eine zweite Taschenlampe mit. Jetzt ging es die Serpentinen die rutschige Geröllstraße etwa 4 km hinunter und patsch... schon lang ich am Hintern. Zum Glück federte der Rucksack den Sturz ab, mir war nichts passiert. Der Regen hatte den Boden aufgewacht, es galt höllisch aufzupassen und entsprechend langsam trottete ich ganz allein weiter zum nächsten Ort. Bei der Labestation waren wir zu dritt, die sich Schuhe und Socken auszogen um die kleinen Steinchen rauszuschütteln, die sich über den Sangas Pass angesammelt hatten. Und weiter ging es in die Nacht hinein, zwei Drittel, 165 Kilometer geschafft. Es war knapp nach halb vier, noch fast 4 Stunden bis Sonnenaufgang.

Es wurde jetzt ziemlich zäh. Erstens lauf ich nicht gern bei Dunkelheit, zweitens waren meine Oberschenkel schon richtig schwer und drittens lagen noch fast zwei Marathons vor mir. Sonst war alles ok, von ein paar Müdigkeitsphasen abgesehen, ich lag zweieinhalb Stunden vor der Cut off-Zeit, da hatte ich viel Puffer. Nach gut 180 km wurde es endlich hell, der Regen hatte wieder aufgehört, der nächste lange Anstieg wartete. Ich hatte gehörig Respekt: bei km 195 10 Kilometer bei ca. 6-7 Grad Steigung hinauf. Dort hatte ich bisher immer Probleme: Achillessehne, Beinhautentzündung, Sekundenschlaf mit Beinahe-Kollision mit einem Lkw.... wollte mir mein Körper nach 26 Stunden rennen etwas sagen? Und dieses Mal?
Nach Verlassen der Labestation nach 193 km spürte ich plötzlich einen dumpfen Schmerz in meinem rechten Knie. Was sollte das denn? Ich war nicht umgeknickt, keine plötzliche Bewegung – die war eh nicht mehr möglich – und trotzdem machte das Knie zu. Ich ging bergauf, auch alle anderen gingen. Dann hatte ich auch noch einen Müdigkeitsanfall. In meiner totalen Erschöpfung setzte ich mich neben ein Marterl am Straßenrand und wollte 10 Minuten schlafen. Vom Parkplatz gegenüber riefen mir Supporter anderer Läufer zu: „Come on. You have to run!“ Jo, eh...danke. Aber nach 15 Minuten schaffte ich es irgendwie, wieder hochzukommen. Ich ging die letzten Kilometer bergauf weiter bis es wieder flacher wurde. Da hatte ich mich halbwegs erfangen und konnte sogar wieder leicht antraben. Puuuh, das war wirklich eine brenzlige Situation, es waren ja noch über 40 km bis Sparta. Ich hatte zwar einiges an Zeit verloren, war aber immer noch eineinhalb Stunden vor Cut off. Also alles gut?
Die Stunden vergingen im Flug, im Rückblick schneller als die Kilometer. Das Profil war jetzt wellig, doch tendenziell bergab. War ich etwas zu schnell, ging das überhaupt noch? Denn nach 235 Kilometern bekam ich solche Kreislaufprobleme, dass ich für einen Kilometer fast eine halbe Stunde brauchte bzw. torkelte. Um 4 nachmittag. Zum Glück bekam ich von einem italienischen Betreuer eine Flasche Wasser, ich erfing mich wieder. Die letzten Kilometer nach Sparta hinein ist man in einem Gefühlswirrwarr zwischen Glück, es geschafft zu haben, Erleichterung, dass es vorbei ist, die letzten Schmerzen irgendwie wegzudrücken, noch versuchen, recht eckig, aber doch zu laufen. Und dann die Zielgerade zu Leonidas, der Kriegerstatue des Spartaner-Königs. Otto Peischl und seine Frau Sonja waren da und unterstützten mich, Otto war ja fünf Mal beim Spartathlon dabei. Ein großer des österreichischen Laufsports, auch, weil er in Bad Blumau jährlich die 10 Marathons in 10 Tagen organisiert. Claudia war natürlich auch da und feuerte an bzw. filmte den Zieleinlauf. Nach 35 Stunden und 15 Minuten war es geschafft: Die Füße von Leonidas berühren bzw. küssen, aus einer Schale trinken, hinsetzen, Fußwaschung machen, da gibt es richtig Protokoll. Mir war etwas schlecht, ein Bier von Otto half. Ich war 15 Minuten schneller als beim letzten Mal 2019, mein bester Spartathlon von vier. Noch viel schneller war der Ungar Tamás Bódis, der mit 19 Stunden und 40 Minuten einen fantastischen Streckenrekord aufstellte und den griechischen Favoriten, viermaligen Gewinner und vorherigen Rekordhalter Fotis Zisimopoulos um mehr als 40 Minuten abhängte. Der drittplazierte Finne Tomi Ronkainen hatte schon fast zwei Stunden Rückstand. Bei den Frauen gab es einen griechischen Heimsieg, Despoina Simantrakou siegte in 24 Stunden und 45 Minuten vor der Tschechin Radka Churanová und einer weiteren Griechin, Lemonia Panagiotou. Desponia hatte eine Stunde 20 Minuten Vorsprung. Insgesamt gab es 279 Finisher, 403 waren angemeldet, 323 gingen ins Rennen.
Nie wieder Spartathlon – nie wieder?