CCC 2026 – der lange Weg nach Chamonix

Der Weg zum Startplatz

Nach zwei Jahren, in denen ich am Tag der UTMB-Lotterie mein Postfach immer wieder aktualisiert hatte, nur um erneut „leider“ zu lesen, war die Sehnsucht nach Chamonix kaum noch auszuhalten. Die Erinnerungen an diese Täler, die Menschenmengen und die zackige Silhouette des Mont-Blanc-Massivs ließen mich nicht los, und ich wollte mehr als alles andere wieder ein Teil davon sein. Also setzte ich mich hin und schätzte meine Chancen ehrlich ein. Für den vollen 100-Meilen-UTMB sahen sie ziemlich düster aus, während die Auslosung bei den „kürzeren“ Rennen deutlich gnädiger sein sollte. Mit einer Mischung aus Pragmatismus und leiser Vorfreude nahm ich mir den CCC vor: 100 km von Courmayeur nach Chamonix, ein großes Rennen für sich. Mit 14 Running Stones, gesammelt in drei Jahren harter, schlammiger Rennen, und dem neuen Mobilitätsbonus wagte ich zu glauben, dass es diesmal endlich klappen könnte. Als die Ergebnisse kamen, las ich die E-Mail zweimal, nur um sicherzugehen. Ich war dabei. 2026 würde ich in Courmayeur an der Startlinie stehen, über mir die italienische Seite des Mont Blanc.

Die UTMB-Woche

Eine Woche lang, Ende August, ist Chamonix das Zentrum der Trailrunning-Welt, und die Stimmung ist unglaublich. Rund 11.000 Läuferinnen und Läufer gehen bei den verschiedenen Rennen an den Start, doch der Ort füllt sich auch mit bekannten Läufern, die verletzt sind, und mit vielen „normalen“ Läufern, die keinen Startplatz bekommen haben, den Hype aber trotzdem miterleben wollen. Sie feuern Freunde an, schauen den Profis zu und bleiben bis spät in die Nacht, um die letzten Finisher zu empfangen und ihren Kampfgeist mitzuerleben. Es ist so viel mehr als nur ein Rennen: das Event-Village, unzählige Nebenveranstaltungen (die zunehmend den Ruf der Überkommerzialisierung haben) und natürlich die wunderschönen Trails und Berge selbst.

Am Tag vor meinem Rennen verfolgten wir den 60 km langen OCC, bei dem die drei schnellsten Frauen innerhalb einer Minute ins Ziel kamen, inklusive eines Überholmanövers auf dem letzten Kilometer, und die Zweite nur 50 m hinter der Siegerin! Am meisten blieb mir aber die Emotion danach in Erinnerung: Die drei freuten sich ehrlich füreinander, lachten und gratulierten sich gegenseitig. Trailrunning auf höchstem Niveau.

Rund um den Mont Blanc spielt das Wetter oft eine große Rolle, also habe ich die Vorhersagen fieberhaft verfolgt. Zehn Tage vorher sah alles ganz okay aus, doch im Laufe der Rennwoche wurde die Prognose immer schlechter, und am Abend davor sagten die meisten Apps für den ganzen Tag Gewitter und Starkregen voraus.

Auf zum Start

Für mich begann alles etwas weniger dramatisch. An unserer Bushaltestelle in Les Bossons warteten in der Morgendämmerung rund 20 Läufer, und man merkte die Nervosität, dass die Busse womöglich schon voll sein könnten. Die Sorge war unbegründet: Unser Shuttle kam pünktlich um 6:15 Uhr, mit einem zweiten, leeren Bus und einem offiziellen Fahrzeug im Schlepptau, und bald waren wir durch den Mont-Blanc-Tunnel unterwegs. Als wir in Courmayeur ankamen, setzten der angekündigte Regen und die Gewitter ein.

Aus den Bussen strömten wir alle in die Sporthalle und quetschten uns in die wenigen regengeschützten Ecken. Dank schwacher Ergebnisse in Istrien und auf der Veitsch war ich im dritten Startblock eingeteilt, also gab es keine Eile. Ich konnte mich entspannen und meinen Dropbag für Champex-Lac abgeben (neu in diesem Jahr). Beim Warten an der Startlinie im strömenden Regen erfuhren wir, dass die Cut-offs wegen des Unwetters um 90 Minuten verlängert worden waren. Was nicht erwähnt wurde: Auch die Strecke war geändert und deutlich verlängert worden!

Regen, Donner und Schlangen

Als es aus dem Ort hinaus bergauf ging, fand ich langsam meinen Rhythmus, blieb aber trotzdem so zügig, wie es vernünftig war. Der Grund: Nach 4,5 km beginnt der Singletrail, und dort gibt es jedes Jahr einen riesigen Stau. Danach geht es in einer langen Schlange den ersten Anstieg mit 1.400 Höhenmetern hinauf. Bis dahin wollte ich in meinem Startblock möglichst weit vorne sein.

Strömender Regen und häufiger Donner begleiteten uns den ganzen Weg hinauf zur Tête de la Tronche, aber in der Menge herrschte eine tolle Kameradschaft, und ich habe diesen Abschnitt richtig genossen. Mein Puls konnte sich beruhigen, und ich konnte mich darauf konzentrieren, ein paar Kalorien zu mir zu nehmen. Oben auf 2.550 m machte ich schnell ein Foto von den Wolken (die einzige Aussicht, die es gab) und ging sofort wieder bergab, weil ich die Höhe zu spüren begann und schwer Luft bekam.

Ich dachte, ich sei den Downhill ziemlich gut gelaufen, doch beim Blick auf die Ergebnisse sah ich später, dass ich auf nur 4 km 112 Plätze verloren hatte. Ein Teil davon ging wohl auf das Konto meines einzigen Sturzes im Rennen, kurz vor dem Refuge Bertone. Im Schlamm, den die 1.500 Läufer vor mir aufgewühlt hatten, legte ich mich hin und rutschte etwa 5 m, größtenteils auf den Händen, also war ich wenigstens nicht allzu dreckig 😅. Es hat mich aber ein bisschen erschüttert, und die letzten 500 m bin ich deutlich vorsichtiger gelaufen. Die Labe in Bertone war ziemlich chaotisch, aber es tat gut, kurz Pause zu machen, und endlich ließ der Regen etwas nach.

Der Balkon ohne Aussicht

Auf den Balkonweg von Bertone nach Bonatti hatte ich mich am meisten gefreut, nachdem ich Dutzende YouTube-Videos gesehen hatte, die ihn in seiner ganzen Pracht zeigen. Stattdessen war es eine mystische Welt aus Regen und Nebel, mit nur wenigen Blicken auf die Gletscher gegenüber und keiner Spur vom Mont Blanc selbst. Die einzigen Vorteile: Es blieb kühl, und die Staus waren endlich vorbei, sodass jetzt jeder sein eigenes Tempo laufen konnte. Mit wenig Ablenkung verging die Zeit wie im Flug, und schon bald ging es hinunter nach Arnouvaz.

Die Suppe dort war ungenießbar, viel zu salzig, also füllte ich nur meine Flaschen auf, ging aufs WC und lief weiter. Einen Kilometer den Berg hinauf setzte ich mich hin, genoss mit einem Gel die Aussicht und kam mit zwei Gleichgesinnten ins Gespräch. Einer davon war ein Engländer, den ich zuletzt vor drei Jahren beim Mozart 100 getroffen hatte, ebenfalls im strömenden Regen, also hatten wir jede Menge Kriegsgeschichten auszutauschen.

 

Dann kam der lange, zähe Anstieg zum Grand Col Ferret und eine windige Überquerung des Passes in die Schweiz. Den langen Downhill auf der anderen Seite habe ich richtig genossen. Der Weg war stellenweise steinig, aber endlich konnte ich die Beine ausstrecken und hatte das Gefühl, ein gutes Tempo zu halten. Zumindest bis zu den letzten 2 km durch den Wald hinunter Richtung La Fouly: eine rutschige Schlammschlacht aus der Hölle. Ich bin hier nicht gestürzt, sah aber jede Menge Rutschspuren von denen, die es erwischt hatte, und brauchte 20–30 Minuten, um mir vorsichtig meinen Weg nach unten zu suchen.

Nach La Fouly kam die erste Streckenänderung, auf Straßen und Feldwege das Tal hinunter. Ein schöner, schneller Abschnitt, und bei dem Dauerregen war es eine Erleichterung, für eine Weile aus dem Schlamm herauszukommen.

Dann folgte der steile Anstieg hinauf nach Champex, wo wir die Halbzeit erreichen würden und meine Crew wartete. Hier war ich wirklich froh über meine Stöcke. Ich wanderte nur langsam bergauf, hatte aber mit 55 km und mehr als 5.000 Höhenmetern in den Beinen noch mehr Energie als erwartet.

Champex-Lac

Wie erhofft erreichte ich Champex-Lac noch vor Einbruch der Dunkelheit, in den letzten Regenschauern. Die Labe war das absolute Chaos! Ich brauchte fünf Minuten, um Susi in einem vollgestopften Zelt voller viel zu vieler verschwitzter, nasser Läufer und ihrer Crews zu finden. Es tat gut, mich mit Milchreis und Ginger Beer zu stärken und für die Nacht ein warmes Wollshirt anzuziehen. Ich versuchte, in dem Tumult ein bisschen zu schlafen, gab aber nach fünf Minuten auf und machte mich auf in die Nacht, froh, dem Lärm zu entkommen – doch, und das war entscheidend, ich übersah die übliche Infotafel mit den Details zum nächsten Abschnitt.

Verloren in der Dunkelheit

Hier ließ mich meine Vorbereitung im Stich. Ich hatte die letzten Streckenänderungen am Abend vorher nicht genau angeschaut. Ich wusste, dass die Cut-offs um 90 Minuten verlängert worden waren, angeblich wegen des Wetters, hatte aber völlig übersehen, dass 7 km und 300 zusätzliche Höhenmeter dazugekommen waren und wir ab Champex eine ganz andere Route liefen.

So war ich völlig unvorbereitet, als wir, statt Richtung Bovine bergauf abzubiegen, einen Abstieg von über 1.000 m bis ganz hinunter nach Martigny begannen. Je tiefer wir kamen, desto heißer und schwüler wurde es. Es war ein mentaler Kampf: ein steiler, wurzeliger und rutschiger Pfad in der Dunkelheit, ganz hinunter bis zum Fluss. Was folgte, wäre normalerweise ein herrlich welliger Singletrail durch den Wald und über Felsblöcke gewesen, hätte ich nur gewusst, wo ich war und wann die nächste Labe kommt! Der einzige Trost: Ich war fast immer in einer Gruppe unterwegs, und die Strecke war gut markiert, aber auch sonst schien niemand zu wissen, wohin es ging.

Nach drei Stunden, in denen ich vor lauter Stress so gut wie nichts gegessen hatte, erreichten wir eine kleine Labe in einem Busbahnhof. Es stellte sich heraus, dass es Martigny war, nicht Trient, und Trient war noch mehr als 10 km und über 1.000 Höhenmeter entfernt. Ich versuchte zu essen, aber alles, was ich zu mir nahm, kam sofort wieder heraus. Ich war verwirrt und völlig ohne Energie. Nach 20 Minuten Pause schaffte ich es, etwas Wasser und eine Näak-Waffel hinunterzubringen, und machte mich dann auf in die Dunkelheit. Viele Läufer schienen hier aufzugeben, aber so verzweifelt war ich noch nicht. Noch nicht.

Der Tiefpunkt

Der lange Anstieg von Martigny zum Col de la Forclaz war die Hölle, und ich war ganz nah dran, aufzugeben. Mein Magen hatte komplett dichtgemacht; selbst Wasser schickte mich im Sprint in die Büsche, und der Anstieg dauerte ewig. Immer wieder setzte ich mich hin, um mich zu erholen. Irgendwann blieb Michael stehen, ein anderer Australier, mit dem ich mich tagsüber mehrmals unterhalten hatte, und versuchte mich zu motivieren, aber da war ich mir schon sicher, dass mein Rennen vorbei war.

Ich kroch wanderte langsam weiter bis zum Col, wo es eine dringend benötigte kalte Quelle gab, und rief meine Crew an, um zu jammern und um Gnade zu flehen. Was ich stattdessen bekam, war ein dringend nötiger Tritt in den Hintern und genug Motivation, um zumindest bis Trient weiterzumachen.

Vom Col ging es ziemlich gemütlich 200–300 Höhenmeter bergab, und als ich allein in der Dunkelheit in Trient ankam, beschloss ich, mir so viel Zeit zu nehmen, wie ich brauchte, um mich zu erholen und neu zu sortieren. Nach etwas Sodawasser ging ich in den Näak-Schlafbereich und bat darum, in 20 Minuten geweckt zu werden. Zu meiner Überraschung fiel ich in einen tiefen, festen Schlaf, und als man mich wachrüttelte, ging es mir so viel besser. Ich kaufte mir eine richtige, eiskalte Cola und setzte mich mit ein paar weiteren Waffeln in den beheizten Zuschauerbereich, um mich aufzuwärmen. Ich verbrachte mehr als 80 Minuten in Trient, aber es war keine verlorene Zeit: Als ich schließlich aufbrach (etwa 40 Minuten vor dem Cut-off), war ich ziemlich sicher, dass ich das Ziel erreichen würde.

Sonnenaufgang

Langsam ging ich weiter, den SEHR steilen Anstieg hinauf nach Les Tseppes, oft steiler als 30 %. Ich machte mehrere Pausen, doch als es langsam hell wurde, fiel es mir leichter, und sobald wir den höchsten Punkt erreicht hatten, konnte ich wieder laufen, zum ersten Mal seit Martigny.

Im Downhill rief Susi panisch an, um mir zu sagen, dass ich laut Prognose mindestens 10 Minuten nach dem Cut-off in Vallorcine ankommen würde. Also legte ich, obwohl ich schon gut lief, noch einen Zahn zu und begann zu überholen. Auf den Anstiegen von Martigny nach Les Tseppes hatte ich über 200 Plätze verloren, aber von Les Tseppes, begleitet von einem herrlichen Sonnenaufgang, bis nach Chamonix überholte ich ständig Läufer und machte rund 70 Plätze gut.

Ich erreichte Vallorcine 30 Minuten vor dem Cut-off, genug für 15 Minuten Pause und etwas dringend benötigtes Essen, wenn auch immer noch hauptsächlich Näak-Waffeln und Wasser. Mit nur noch 18 km und gut 800 Höhenmetern vor mir und ohne weitere Cut-offs nach Vallorcine in diesem Jahr ging ich mit der Gewissheit los, dass ich ins Ziel kommen würde, und hatte fast die ganze Zeit ein breites Grinsen im Gesicht. Es gab noch ein paar steile Anstiege und einen unglaublich harten 250 Höhenmeter Downhill, aber jetzt konnte mich nichts mehr aufhalten. Bei diesem Abstieg kam ich mit einer Amerikanerin ins Gespräch, die den CCC als Vorbereitung auf die Tor des Géants in drei Wochen lief und hier einfach nur verletzungsfrei bleiben wollte!

Chamonix

Ich überquerte die Ziellinie in knapp unter 27 Stunden und 15 Minuten. Das Schönste: Ich lief knapp vor dem ersten Finisher des 100-Meilen-UTMB, deshalb säumten schon Tausende Menschen die Straßen, die auf ihn warteten, und sie jubelten mir zu und gratulierten mir auf diesen letzten Kilometern. Nach der Nacht, die hinter mir lag, war das wirklich bewegend, und ich bin überglücklich mit dem Ergebnis.

Hinter mir waren noch 92 Läufer auf der Strecke, die letzten kamen nach fast 29 Stunden ins Ziel, und in meiner Altersklasse 60+ wurde ich 25. von 31, bei einer Ausfallquote von 43 %.